Zwischen Himmel und Hölle

Mit zunehmendem Alter fängt mal wohl an Risiken anders zubewerten.

Im Kleinkindalter waren mir die Werte „Leben“ und „Tod“ völlig unbekannt. Zug um Zug haben mir wohl Eltern, Kindergarten, Freunde etc. versucht den Sinn und Nutzen darin näher zu bringen. Heute versuche ich selbiges bei meinen Kindern. Damals aber habe ich mir keinen Kopf darüber gemacht. Selbst der Tod der weit entfernt lebenden Großmutter sorgte für keinen großen Schmerz.

Als Jugendlicher fühlte ich mich übermenschlich, unverwundbar, bereit die Welt aus den Angeln zu heben. Mit über 200 Sachen per postgelber Honda (Fireblade CBR 900 RR) ohne Helm einmal die Umgehungsstraße hoch und runter zu flitzen sorgte für Entspannung. Das Buzzword „Entschleunigung“ stört mich noch heute. Gedanken zu möglichen Folgen einer solch kopflosen Aktion kamen nicht annäherend in den Kopf.

Vor allem mit der Gründung einer kleinen Familie hat sich aber das schlagartig verändert. Nicht nur die Sorgen um die engsten Anghörigen hat extrem zugenommen, sondern auch die Verantwortung über das eigene Verhalten. Adrenalinhaltige Erlebnisse wie Bungee Jumping, Fallschirm Tandemsprung oder Baseflying – bei denen bewußt die Angstlust ausgereitzt und gegen den menschlichen Instinkt gearbeitet wird – sorgen für unendlich viele Gedanken rund um Leben und Tod. Am Ende wagt man den Schritt ins Leere. Natürlich ist dieser waghalsige Schritt bestens gestützt. Und zwar auf den statistischen Unmöglichkeiten eines Unfalls und der Gewissheit der sehr hohen Sicherheit des jeweiligen Anbieters. Trotz allem bleibt der durch den augenscheinlich lebensbedrohenden Sprung ausgelöste Adrenalinkick.

Mit Sicherheit empfinden Mittzwanziger diesen Adrenalinrausch anderst als Enddreissiger. Und das ist sicherlich auch gut so. Mit zunehmendem Alter (und ich bin nun Ende 30) nehmen die Gedanken über Leben und Tod zu. In Bezug auf die eigenen Eltern, die eigene Familie, als auch über die eigene Lebenserwartung. Diese phasenweise auftauchenden Gedanken, die mit unterschiedlicher Intensivität „einschlagen“, gehören zum Erwachsenwerden dazu. Wer hier sein ungeklärtes Heil nicht in einer Religion sucht, beschäftigt sich eventuell sein Leben lang mit der Zeit danach. Letztlich kann man sich glücklich schätzen, bereits so alt geworden zu sein. Ich gratuliere Euch. Bis hier her habt Ihr es schon geschafft.

Foto: © GlennPeb – sxc.hu

Angst & Lust erleben = AngstLust

Inzwischen habe ich die typischen Angstlust-Erlebnisse von Jochen Schweizer selbst ausprobiert. Unter Angstlust-Erlebnisse fallen die Jochen Schweizer hauseigenen Erlebnisprodukte House Running, Bungee Jumping und Base Flying. Ergänzend könnte man noch Fallschirm Tandemspringen dazunehmen.

Wirklich Angst (und kaum Lust) hatte ich rückblickend nur beim Base Flying in Berlin. Ob’s an meiner Tagesform lag oder an der Situation wie ein hilfloser Fisch in 125 m an der Angel zu hängen, weiß ich nicht. Ich weiß aber um die schiere Angst, als ich fallengelassen wurde. Eventuell tue ich mir das bald nochmals ein 2. Mal an. Nur um zu überprüfen, was die Ursache meiner Angst war.

Die geringste Angst hatte ich beim House Running. Liegt wohl auch daran, dass ich – wie bei allen Erlebnissen – den Teams vor Ort hinsichtlich Sicherheit blind vertraue.

Eine Definition des von Michael Balint geprägten Ausdrucks der Angstlust findet Ihr übrigens bei Wikipedia. Hier ein Auszug:

Angstlust verspürt danach derjenige, der sich freiwillig äußerer Gefahr aussetzt, mit der zuversichtlichen Hoffnung, alles werde gut enden. Nach Balint bedeutet dies das „Aufgeben und Wiedererlangen von Sicherheit“. Das Streben danach habe seine Wurzeln im Trauma frühkindlicher Trennungserlebnisse.

Ab geht’s beim Fallschirm Tandemsprung

Jetzt geht’s los, dachte ich mir. Mein Höhenmeter sagt 3.000 Meter und die grünen Lichter weisen auf die Sprungfreigabe für den Fallschirm Tandemsprung hin. Nach knapp 15 Minuten Steigflug, keine weitere Zeit zum Überlegen & kritische Gedanken. Schluß mit dem sensationellen Blick auf die Alpen. Schnell noch den Fallschirmspringergruß und jetzt auf dem Hintern vorrobben. Angekettet an meinen Tandemmaster und Namensvetter Dennis, seines Zeichens Fallschirmspringer bei der Bundeswehr mit bereits über 400 Fallschirmsprüngen in 2009. Und nebenbei aktiv bei den Flying Bones.

Was hatte er eben noch gesagt? „Kopf in Nacken, Arme verschränken, Beine zusammen und unter den Bauch des Flugzeugs krümmen – sei eine Banane„. Stop, ich brauch doch noch Zeit um zu überlegen. Will ich das überhaupt? Noch ein Blick auf die anderen Fallschirm Tandems Sebastian, Julia und Alexander. Keine Zeit. Denn kaum sitze ich lt. Briefing in der Öffnung der Twinbeech geht’s schon ab. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Auf mich wartet ein Freifall mit etwa 220 km/h.

Höhenangst? Nein! In dieser Höhe macht das keinen Sinn. Schreien? Ja! Viel. Und laut. Atmen. Atmen. Atmen. Ich spür das Adrenalin ebenfalls mit 220 km/h durch meine Venen, Adern und was ich da sonst noch habe rauschen. Aero-Orgasmus total. Das tut gut. Fallschirmspringen. Jaha!

Mein Fallschirm Tandem Master macht sich die Mühe und wendet uns in der Luft. Warum? Aha. Was ein geiler Blick auf die Twinbee (Beachcraft Model 18). Ein Flugzeugmodell übrigens, in welcher bereits Roger Moore als James Bond im Jahr 1977 tätig war.

Weiter geht’s. Runter. Wohin den sonst?Als nächstes überholen wir Eisregen. Die Schmerzen im Gesicht spüre ich nicht. Mein fliegender Körper hat einen Adrenalin Schock. Was ich in diesen fallenden Momentgen denke, bekomme ich an dieser Stelle nicht mehr zusammen. Befreiendes Schreien. Das ist auf jeden Fall eine gute Idee.

Auf 1.500 Meter fall ich durch eine Falltür. Eben noch gefühlte 500 Dezibel im Ohr – trotzt Tinitus – und nach Reißen der Fallschirmleine: Stille. Das muss der Himmel sein. Wo sind die Engel? Ein rascher Gedanke an die Aussage „Nur Fallschirmspringer wissen, warum Vögel singen.“ Keine Auflösung, denn der Tandemmaster weckt mich aus der endorphinen Ruhe mit „Ah, da ist der Flughafen. Scannen, selber suchen. Meine Augen versuchen durch die Fallschirmspringer Brille selbst das Ziel (Dropzone: Flugfeld Tannheim bei Memmigen) zu finden. Doch keine Orientierung. Inzwischen weiß ich aber wo oben und unten ist. Zumindest nehme ich das an.

Endlich sehe ich das Flugfeld. Cool. Noch ein Blick nach unten. Hui, da fliegt ja ein andere Sportflieger? Ob das normal ist? Eigentlich nicht, gesteht mir Dennis dann. Wenn die Fallschirmspringer in der Luft sind, haben die anderen Vögel Sendepause. Egal. Geschätzte 500 Meter Abstand wiegen mich in Sicherheit. „Weitergenießen“ ist angesagt.

Nach mehreren Minuten Flugzeit erwartet und die Landung. Dennis hat sich für einen Acker entschieden. Sauber – vor allem wenn man weiß, dass im Herbst die Felder gedüngt werden. Beine hoch, denn die Landung ist als Arschbombe geplant. Wir kommen näher und stellen fest, es handelt sich um ein frisch geerntetes Maisfeld. Hoffentlich sind die übrig gebliebenen Maisstämme gnädig.

Sie sind. Aber es stinkt. Und die Landung erfolgt auf meinem Steißbein. Autsch. Das werde ich wohl noch die nächsten Tage spüren. Egal. Ich bin unten. Ich hab’s geschafft. Ich bin der Größte. Unbesiegbar. Das Adrenalin rauscht nochmals durch das Blut ehe mich der Boden wieder hat. Das war gut. „Sauber“, sage ich. Das wird man wohl auch auf dem Video hören, dass sich in Kürze hoffentlich hier finden wird.

„Hattest Du Angst um mich?“, frage ich meine Frau. „Nope, ich will auch mal!“.Ok. Soll sie haben. Dann werde ich Ihr bei nächste Gelegenheit mal einen Fallschirm Tandemsprung schenken!

Jetzt geht’s ab erst Mal nach Hause in die Badewanne.

Danke an die Flying Bones, Chef Sascha, meinem Fallschirm Tandem Master Dennis und Andi, der das Ganze wunderbar organisiert hat.